Die Beschwörung der Toten

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Die Körper zucken, tot, doch geil.
Die Stimmen schwellen an zum Chor
und repetitiv sapscht das Geraune
noch an das letzte Ohr.

Sie kriechen schmatzend aus den Gräbern,
formen Rotten, bilden Herden.
Die stets für sich allein Verfaulten
wollen jetzt Teil des Ganzen werden.

Es stinken immer die Anderen,
man huldigt dem Vergessen,
spürt jetzt auf, was noch lebendig ist,
um sich daran satt zu fressen.

Treppengeister

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Ich stehe zwischen all diesen Leuten, die mich in ihrer Mitte glauben. Sie flüstern mir Vertraulichkeiten zu und weihen mich in Geheimnisse ein. Sie halten mich für einen Freund, verwechseln meine ausgestellte Aufmerksamkeit mit Empathie. Sie werden überrascht sein, wenn ihnen dämmert, dass mein Mitgefühl sie nicht nur nicht ein- sondern ausdrücklich ausschließt.

An deiner Seite war selbst die Lüge wahr. Solange ich dich nach deinen Kapriolen auffing, schien alles zusammen zu passen. Erst als dein gebrochener Leib vor mir auf dem Pflaster lag, wurde mir klar, wie dumm ich gewesen war.

Unter Tage trete ich nicht. Das ist unverschämt und billig. Tradition zum Husten. Der Stolz der Sklaven: Die Würde bewahren im Angesicht der Hoffnungslosigkeit. Lebten sie noch, könnten wir nicht viel mit ihnen anfangen. Sie waren schroffe Charaktere von boshafter Sentimentalität; Genießer von Gemeinheiten. In die Enge getrieben, ersehnten sie Weite. Sie gehörten der Erde und träumten vom Meer.

Kanonenfutter. Perlen vor die Säue. Hier drifte ich weg, fantasiere mich in den Tagtraum. Die Geschichte meines Lebens: Wie ich lernte die Monotonie zu lieben. Protokoll einer Gehirnwäsche. Die Not kann tiefe Wunden reißen und manches Gewebe ist schlecht verheilt. Die Narben jucken bei schlechtem Wetter oder wenn Indianer in der Nähe sind. Die Haut vibriert. Es wird eng in der Brust. Man verhält sich ganz still, aber man möchte explodieren. Unterdrückte Wut. Unterdrückt weil ohne Grund und Ziel, aber das kann ja nicht sein, man grübelt, aber man kommt nicht drauf. Also sucht man nach Anlässen, die eine gerechte Empörung rechtfertigen. Oh, hallo, du bist also der Nazi in mir, nett dich kennen zu lernen, du hast mir gerade noch gefehlt. Weniger gut sein zu wollen, würde sich im Moment ganz gut anfühlen.

Umso konzentrierter man sucht, lehrt uns der moderne Horrorfilm, desto weniger wird man fündig. Die Erkenntnis – hier: der Schock – erfolgt stets im Augenblick der Entspannung.

Miau

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Bärenbeisser sitzt am Küchentisch. Das Katzenmädchen umspielt seine Beine und liebkost sein Geschlecht. Ihm gegenüber sitzt die Vernunft und guckt streng.

Bärenbeisser: Jeder Tag ist eine Qual. Ich mache gute Mine zum bösen Spiel. Aber an Erlösung kann ich nicht glauben.
Vernunft: Wer sagt, dass Erlösung etwas mit Glauben zu tun hat?
Katzenmädchen: Miau.
Bärenbeisser: Ich fürchte, es wird immer so weiter gehen, ja, schlimmer werden.
Katzenmädchen: Miau.
Vernunft: Mag sein. Aber Gefühlszustände sind keine Bannflüche. Handlungsoptionen ermöglichen adäquate Reaktionen.
Bärenbeisser: Da werden aber gewaltige Unmenschlichkeiten zusammengekocht. Was ist mit Tradition, Gewohnheit, Sentiment?
Katzenmädchen: Miau.
Vernunft: Werden im entscheidenden Moment selten nachgefragt. Gewälzt wird immer mitleidlos. Denkst du, sie werden dich in die Bergwerke schicken?
Bärenbeisser: Oder in ein Armengefängnis, die Psychiatrie, wer weiß? Zuzutrauen ist denen alles.
Vernunft: Du übertreibst.
Bärenbeisser: Beweise es mir.
Vernunft: Das kann ich nicht. Ich kann nur darauf verweisen, dass es sich hier um eine Fantasie handelt.
Katzenmädchen: Miau.

Elphi

elbphilharmonie

Nun muss endlich Schluss sein mit Gemecker und Kritik. Kein Wort mehr von Korruption, Vettern- und Misswirtschaft. Es gibt eine Lichtshow zur Eröffnung und das Fernsehen überträgt live. Jetzt sollen wir uns freuen und staunen wie die Kinder. Die Regression des Vokabulars gibt den Ton vor. Die Elbphilharmonie heißt jetzt Elphi. Die Marketingschnösel und deren journalistische Lakaien von Springer bis zum NDR lassen schon sprachlich keinen Zweifel daran, dass bei der Eröffnung des überteuerten Musiktempels in der Hafencity ein neues Hamburger Wahrzeichen gefeiert wird, das eher touristischer und repräsentativer Standortpolitik als dem Kunstgenuss dienen soll. Die chronisch unterfinanzierten Hamburger Museen und Theater als beispielsweise Kunsthällchen oder Schauspielhausi zu bezeichnen, erblödet sich noch niemand. Aber wer weiß? Würde man auch hier BMW, SAP, der HSH Nordbank oder wem immer es sonst noch nach einem „Sponsoring nach Maß“ gelüsten sollte „eine Partnerschaft auf Augenhöhe“ anbieten, in der „(j)edes Engagement (…) auf die individuellen Interessen abgestimmt“ wäre, „um einen optimalen Beitrag zur Erreichung der Unternehmensziele zu leisten“, machte vielleicht nicht nur Elphi bubu, dann ginge alles balla balla.

(Alle Zitate: www.elbphilharmonie.de/de/sponsoring)

Eine Armee enttäuschter Hoffnungen

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Oh, dieses erbärmliche Leben! Was wird da nicht alles erträumt an Liebe, Glück und Gold oder wenigstens an Abwesenheit von Mangel, Schmerz und Angst. Es gibt Industrien, die diese Träume füttern, in geheimen Bürotrakten herumwuselnde Agenten, die sie in die richtigen Kanäle leiten, und bewaffnete Söldner, die sich um die Abweichler und Unbelehrbaren kümmern. Denn erfüllen tut sich nichts und das soll auch so bleiben. Schließlich nährt sich ein ganzes System von den enttäuschten Hoffnungen der verschuldet Geborenen. Firmengeschäft und Seelenverlust – wie im Song. Das Bedingungslose wird selbst – oder besser: gerade – von den gesellschaftlich Denkenden verworfen: Wert und Arbeit und das ganze Krakeele von Entwicklung und Fortschritt. Mir scheint Marx an dieser Stelle Schall und Rauch, nicht etwa weil er irrte, sondern weil sich die Relevanz seiner Werttheorie mittlerweile historisch überlebt hat. Wir sind schon so weit entwickelt und fortgeschritten, dass wir nicht mehr wissen, wo Barthel den Most holt. Vielleicht werde ich ja nur von trade-unionistischem Bewusstsein umgetrieben, möchte aber trotzdem meiner Annahme Ausdruck verleihen, dass, wer Ausbeutung und Entfremdung niemals am eigenen Leib gespürt hat, nichts weiß von der damit einhergehenden Verzweiflung und sich vielleicht deshalb der Dringlichkeit der Störung dieser Prozesse nicht genügend bewusst ist. Dabei besteht eine der wesentlichen Aufgaben aller im Geiste der Zivilisation tätigen Intellektuellen darin, den dem falschen Bewusstsein zuarbeitenden Unwahrheiten, die nicht zuletzt mithilfe der Massenmedien verbreitet werden, entgegenzuwirken. Leider verdrängt die Furcht, dem Bürger als Ungeheuer zu erscheinen, zur Zeit die Einsicht in die Notwendigkeit radikaler Ideologiekritik. Schade. Dabei sollte mittlerweile eigentlich jedem intelligenten Menschen klar sein, dass der Kapitalismus seine Schuldigkeit getan hat. Man muss seiner Entwicklung nicht weiter förderlich sein. Man muss ihn nur noch abschaffen.